Constanze Weiß: „Barrierefreiheit gehört verbindlich in die Hochschullehre“

Für ihre Masterarbeit untersuchte die Leipzigerin den Stand der Lehrpläne entsprechender Studiengänge beispielhaft an Sachsens Hochschuleinrichtungen.

Wo bleibt die Barrierefreiheit in den öffentlichen Räumen? Müssten die jungen Architekten und Raumplaner von heute nicht schon längst bauliche Zeichen gesetzt haben? Constanze Weiß, Projektspezialistin für nachhaltige Regionalentwicklung, ging der Frage nach, welchen Stellenwert bauliche Barrierefreiheit in den Lehrinhalten der sächsischen Hochschuleinrichtungen hat. Das – ernüchternde – Ergebnis dürfte in Deutschland wohl eher die Regel sein. Doch es gibt auch Positives zu berichten.
Frau im Porträt
© privat
Weichenstellung für Wissensvermittlung
Constanze Weiß belegte im Zweitstudium den Masterstudiengang Integrative StadtLand-Entwicklung an der WINGS Hochschule Wismar. Aktuell arbeitet sie als Projektspezialistin für nachhaltige Regionalentwicklung bei LE-Regio UG in Leipzig.

MOBITIPP: Frau Weiß, erleben Sie persönlich mangelnde Barrierefreiheit im öffentlichen Raum? Zum Beispiel in Sachsen, wo Sie wohnen?

Constanze Weiß: Selbstverständlich erlebe ich das auch. Barrierefreiheit ist nicht nur ein Thema für Menschen, die mit einer Behinderung leben! Durch einen Sportunfall während der Masterarbeit zum Beispiel habe ich persönlich erfahren, dass selbst eine abgesenkte Bordsteinkante eine Hürde sein kann. Besonders fällt mir noch heute auf, dass bauliche Barrierefreiheit oft nur punktuell hergestellt ist und der Anschluss an die Umgebung fehlt.

MOBITIPP: In Ihrer Masterarbeit haben Sie untersucht, wie es in Sachsens Universitäten und Hochschulen um die Vermittlung von Wissen über bauliche Barrierefreiheit bestellt ist. Dabei haben Sie diejenigen Studiengänge in den Blick genommen, die mit Regionalplanung zu tun haben. Warum haben Sie sich mit der Lehre und Forschung befasst, also mehr mit der Theorie als mit der Praxis?

Constanze Weiß: Ich habe mich gefragt, warum noch immer Barrieren gebaut werden, obwohl die Rahmenbedingungen und auch Gesetzeslage barrierefreie Gestaltung ermöglichen und fordern. Daraus habe ich dann unter der Vermutung, dass schlicht das Wissen darum nicht vorhanden sein könnte, die Forschungsfrage entwickelt. Die Frage ist, ob den Berufsbildern, die Vorhaben im öffentlichen Raum planen, gestalten und umsetzen, in der Lehre überhaupt verbindlich Lehrinhalte dazu vermittelt werden. Die künftigen Architekten und Raumplaner sollten für eine barrierefreie Umwelt sensibilisiert und zu deren Gestaltung befähigt werden. Wie soll sich sonst etwas ändern?

MOBITIPP: Wie sind Sie vorgegangen, um Ihre Annahmen hinsichtlich der Barrierefreiheit für Ihre Arbeit zu messen und zu bewerten?

Constanze Weiß: Von 31 Hochschuleinrichtungen Sachsens habe ich zunächst die 14 staatlichen Hochschulen ausgewählt. Davon wird an sechs Hochschulen in relevanten Studienfächern unterrichtet. Damit verblieben von insgesamt 333 Studienfächern an staatlichen Hochschulen im Freistaat Sachsen noch 16 relevante Studienfächer mit 29 Studiengängen, deren Studienordnungen und Lehrmodule ich auf die Schlagworte Barrierefreiheit, Bewusstsein, Diversität, Inklusion, Partizipation und Sensibilisierung untersucht habe. Zudem habe ich 21 Studiendekane mit einem schriftlichen Interview befragt und sechs Rückläufe zum Thema erhalten.

MOBITIPP: Wie war Ihr Bezug zum Alltag der Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind?

Constanze Weiß: Der Behindertenverband Leipzig e.V. (BVL) bemüht sich seit 2003 beim Sächsischen Landtag und der Sächsischen Staatsregierung vergebens um ein verbindliches Curriculum zu den Kriterien und Inhalten der Barrierefreiheit. Freundlicherweise wurden mir vom Geschäftsführer der Schriftverkehr und auch weitere Hintergrundinformationen zugänglich gemacht. Daraus wurde gut ersichtlich, womit Bürger, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, täglich zu kämpfen haben und wie mühsam und kräfteraubend der Prozess einer diesbezüglich grundlegenden Veränderung ist.

MOBITIPP: Welche Ergebnisse hat Ihre Arbeit zutage gefördert?

Constanze Weiß: Meine Untersuchung hat bestätigt, dass Bildungsinhalte zur Barrierefreiheit bis auf eine Ausnahme noch nicht verbindlich in den Studienordnungen und Lehrmodulen festgeschrieben sind. Lediglich die Technische Universität Dresden (TUD) formuliert im Pflichtmodul Architektur von Sozial- und Gesundheitsbauten im Studienfach Architektur und im Wahlpflichtmodul Universal Design im Studienfach Landespflege / Landesgestaltung Wissensvermittlung zu barrierefreiem Bauen. Die TUD verfügt außerdem über zwei Professuren, die auf das Thema einzahlen und auch über Forschungsvorhaben und Aktivitäten zum Wissenstransfer auf dem Gebiet.

MOBITIPP: Was hat Sie am meisten überrascht?

Constanze Weiß: An den untersuchten Hochschulen gibt es zahlreiche Maßnahmen, um allen Studierenden und allen Mitarbeitenden den Zugang im Sinne der Inklusion zur Einrichtung zu ermöglichen. So wurden beispielsweise an der TU Dresden, TU Bergakademie Freiberg, Universität Leipzig und Hochschule Zittau Görlitz Aktionspläne zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention erstellt. Mich hat sehr verwundert, dass man nur an die aktuellen Arbeits- und Lernbedingungen gedacht hat und der Aspekt der Barrierefreiheit in der Lehre für die Gestaltung unserer Zukunft kaum eine Rolle spielt.

MOBITIPP: Welche Lösungsansätze haben Sie erarbeitet?

Constanze Weiß: Das sind im wesentlichen drei konkrete Ansätze: Aus den Interviews mit den Studiendekanen habe ich abgeleitet, dass Barrierefreiheit als ein Teil des Akkreditierungsprozesses der Studiengänge in die Curricula Eingang finden könnte. Außerdem könnte der Aktionsplan der Sächsischen Staatsregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention eine verbindliche und messbare Forderung nach verbindlicher Wissensvermittlung zu Barrierefreiheit beinhalten. Als dritte Möglichkeit sehe ich im Kontext der Untersuchung den aktiven Einfluss des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Kultur und Tourismus (SMWK) auf die Hochschulen.

MOBITIPP: Wie lange wird es dauern, bis Barrierefreiheit in Deutschland selbstverständlich wird?

Constanze Weiß: Vergleicht man Forderungen nach Barrierefreiheit mit früheren Forderungen nach denkmalpflegerischen Grundsätzen im baulichen Bestand, dann ist zu erahnen, dass Veränderungsprozesse dieser Größenordnung gut eine Generation bis zur Umsetzung benötigen. Grundsätze zum Denkmalschutz wurden erstmals 1975 formuliert und werden heute gelebt. 2003 war das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen. Es bleibt zu hoffen, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren Wissensvermittlung zur Barrierefreiheit verbindlich in die Curricula Eingang gefunden hat.

MOBITIPP: Was passiert jetzt mit den Ergebnissen Ihrer Untersuchung? Bleiben Sie am Thema dran?

Constanze Weiß: Zunächst habe ich die Masterarbeit Experten, Behörden und Verbänden zur Verfügung gestellt, die durch ihr Interesse und ihre Expertise Einfluss auf eine positive Entwicklung nehmen könnten. Dazu gehören der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, der Beauftragter der Sächsischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, die Bundesfachstelle Barrierefreiheit, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die Architektenkammern und der Behindertenverband Leipzig. Zudem arbeite ich als Projektspezialistin mit den Schwerpunkten Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit und Tourismus bei der LE-Regio UG in Leipzig am Thema und plane auch Vorträge zu diesen Themen.

(Text: Brigitte Muschiol)

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