Reini Sampl: Rollstuhlfahrer im Rallye-Cockpit

Der frühere Skirennläufer und Monoskifahrer folgt kompromisslos seinen Leidenschaften.

Als vor längerer Zeit der Name Reini Sampl in einem Gespräch fiel, ging es um einen Sitzbademantel für Rollstuhlfahrer, den er sich patentieren ließ. Dann stellte sich heraus, dass der Mann eine Legende im österreichischen Behindertensport ist. Bei der Arbeit am aktuellen MOBITIPP-Ratgeber zum Thema Autoumrüstung kam Reini Sampl wieder ins Spiel: als querschnittgelähmter Pilot, der im Rallye-Sport mit nicht behinderten Fahrern vorne mitmischt. Ein klarer Fall für ein Mutmacher-Interview.
Mann mit Kappe hinter dem Lenkrad eines Autos
(c) Isolde Eich
Reini Sampl: Autofahrer aus Leidenschaft
Reinhold (Reini) Sampl, Sohn eines Skilehrers im österreichischen Lungau, steht schon mit drei Jahren auf den Skiern. 1996, da ist er Anfang 20, bricht er sich bei einer Trainingsfahrt auf der Skipiste den 11. und 12. Brustwirbel. Lange Rückblicke und Vergleiche sind jedoch seine Sache nicht. Der junge Mann schaut nach vorn und sucht den Erfolg in anderen Sportarten: Monoskifahren, Handbiken, Rollstuhlbasketball. Als Rallye-Pilot verschiebt Reini Sampl jetzt die Grenzen des Machbaren für andere Rollstuhlfahrer gleich ein bisschen mit.

MOBITIPP: Herr Sampl, in jungen Jahren waren Sie auf dem Weg zum professionellen Skirennläufer. Anschließend gehörten Sie lange als Monoskifahrer und Handbiker zur Weltspitze. Jetzt fahren Sie bei Rallyes Höchstgeschwindigkeiten. Ist es die Geschwindigkeit, die Sie fasziniert?

Reini Sampl: Ich folge eher meinen Leidenschaften und versuche dabei, bei allem das Beste zu geben. Das macht den Kick aus. Das gilt auch für die eher ruhigen Angelegenheiten des Lebens. Bei Wettkämpfen geht es in der Regel schon immer um die Dimensionen schneller, höher, weiter. Bei den allermeisten Motorsportlern steht aber das Erleben von Geschwindigkeit nicht im Vordergrund.

Bei uns geht es mehr um das Optimieren, Einschätzen, Üben. Das ist alles sehr kontrolliert und erfordert einen langen Atem. Wer nur den Adrenalinkick sucht, würde die meiste Zeit nicht zum Ziel kommen. Da empfiehlt sich eher das Bungeejumpen.

MOBITIPP: Wie sind Sie zum Motorsport gekommen?

Reini Sampl: Nach den Paralympischen Spielen in Sotschi 2014 habe ich versucht, im Motorsport Fuß zu fassen, für den ich mich auch schon immer begeistert hatte. Zusammen mit einem Rallye erfahrenen Spezi habe ich ein Fahrzeug umgebaut und mich kompromisslos auf den neuen Sport eingelassen. Daraus ist dann eine große Sache geworden. Das ging von der Rallye zum Rallyecross und zur Rundstrecke. Jetzt fahre ich ziemlich viele Serien parallel. So gesehen ist auch aus dieser Leidenschaft schon fast wieder ein zweiter Beruf geworden.

MOBITIPP: Wenn man sich auf etwas einlässt und darin gut ist, entwickeln sich die Dinge?

Reini Sampl: Genau. Aber natürlich hat auch meine Ausnahmesituation eine Rolle gespielt. Rollstuhlfahrer, die bei Autorennen mit Piloten ohne Behinderung relativ weit vorne mitfahren, gibt es nicht so viele. Das sorgt für Aufmerksamkeit bei Zuschauern und Medien. Dadurch wird man auch als Werbeträger für Firmen interessant, die sich im Motorsport engagieren. Aus einer scheinbaren Schwäche wird dann eine Stärke.

MOBITIPP: So können Sie sich den Motorsport finanzieren?

Reini Sampl: Es ist machbar geworden. Aber das Ganze trägt sich nur, wenn beide Seiten etwas davon haben. Wenn Firmen investieren, erwarten sie einen Mehrwert. Zum Beispiel neue Erkenntnisse oder eine positive Kommunikation, die sich am Ende auch auszahlt.

Als querschnittgelähmter Pilot im Rallyefahrzeug habe ich praktisch eine Art Alleinstellungsmerkmal. Ich schaffe coole Situationen und liebe es außerdem, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Natürlich muss auch die Leistung bei den Rennen stimmen. So entsteht eine klassische Win-Win-Situation.

MOBITIPP: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Audi ergeben?

Reini Sampl: Der Kontakt zu Audi ist vor einigen Jahren auf einer Rehacare Fachmesse in Düsseldorf zustande gekommen. Erst ging es um die Themen Outdoor und Sport. Später kam die technische Entwicklung dazu. Mittlerweile bin ich seit fast 13 Jahre Audi-Markenbotschafter für Fahrhilfen.

MOBITIPP: Können Sie denn mit Ihrer Einschränkung selbstständig in ihre Rennwagen ein- und aussteigen?

Reini Sampl: Mit meiner Behinderung nach dem Bruch des 11. und 12. Brustwirbels beim Skitraining ist praktisch der gesamte Oberkörper beweglich. Außerdem trainiere ich viel, um meine Muskulatur zu stärken. Von daher ist das selbstständige Ein- und Aussteigen gar kein Thema. Es gibt auch Vorgaben, dass man in einer bestimmten Zeit aus dem Rennauto raus sein muss. Das klappt problemlos.

MOBITIPP: Wie haben Sie Ihre Rennwagen angepasst?

Reini Sampl: Im Wesentlichen ging es bei mir darum, alle Funktionen, die mit den Füßen bedient werden – in erster Linie Gas, Bremse, Kupplung – so zu verlegen, dass ich sie mit den Händen am Lenkrad bedienen kann.

MOBITIPP: Verwenden sie handelsübliche Hilfsmittel oder sind diese Fahrhilfen im Rennwagen für Sie speziell angepasst worden?

Reini Sampl: Im Grunde läuft es eher umgekehrt: Als Rallye-Pilot bin ich die Test- und Entwicklungsspitze für die Umrüster. Wir können im Rennauto mehr ausprobieren, als dies in einem Serienwagen möglich wäre. Einfach, weil auf der Rennstrecke andere Regeln und Auflagen gelten. Wir haben zum Beispiel schon seit etwa drei Jahren elektrisches Handgas im Rennauto. Das wird jetzt auch in den Serienfahrzeugen verbaut.

MOBITIPP: Fahren Sie privat auch noch viel mit dem Auto?

Reini Sampl: Ich bin im Jahr rund 80.000 Kilometer unterwegs. Da kann ich alle neuen Fahrhilfen ausgiebig im Normalbetrieb testen. Diese umfangreiche praktische Erfahrung aus erster Hand ist ein Mehrwert, den ich als Berater mitbringe.

MOBITIPP: Was hat es mit dem Winterfahrtraining auf sich, das Sie in ihrer Heimatregion, dem Lungau, anbieten?

Reini Sampl: Ich habe die Firma www.winterfahrtraining.at vor etwa drei Jahren aus der Familie übernommen. Wir veranstalten vor allem Firmenevents. Hier in den Bergen des Lungaus betreiben wir eine Schnee- und Eisstrecke, auf der man das Auto nahezu risikolos im instabilen Zustand bewegen kann. Da nimmt man als Teilnehmerin oder Teilnehmer viel mit, weil man fahrerische Sicherheit gewinnt und weil es natürlich Spaß macht, unter Anleitung relativ gefahrlos über den normalen Grenzbereich hinaus zu gehen.

MOBITIPP: Sind Sie persönlich beim Fahrsicherheitstraining dabei und wer sind Ihre Kunden?

Reini Sampl: Wir haben mittlerweile acht Trainer, aber die meisten Kurse gebe ich selbst. Die meisten Kunden finden es cool, dass ein Rollstuhlfahrer solche Trainings durchführt. Außerdem kann ich Wissen gut vermitteln. So ist der Rollstuhl inzwischen schon eine Art Markenzeichen für mich geworden. Die meisten Fahrtrainings geben wir für Firmen und die kommen aus ganz Europa. Hin und wieder ist auch mal ein prominenter Kunde dabei.

MOBITIPP: Plaudern Sie doch mal aus dem Nähkästchen! Welcher Prominente hat sich überraschend ungeschickt angestellt und wer hat großes Talent bewiesen?

Reini Sampl: Die meisten Autofahrer, die zum ersten Mal so ein Sicherheitstraining bei Schnee und Eis machen, kostet es erst einmal Überwindung, sich in eine solch besondere Situation zu begeben. Das ist normal und dafür sind wir ja da.

Richtig gut war Marcel Hirscher, der bei uns letztes Jahr ein Training im Rallyeauto absolviert hat. Skirennläufer wie er können mit Geschwindigkeiten und Kurvenradien umgehen. Als Nichtrennfahrer hat Marcel jedenfalls ein sehr, sehr hohes Niveau am Steuer bewiesen.

MOBITIPP: Hatten Sie ein Vorbild für Ihr Leben vor und nach dem schweren Skiunfall 1996?

Reini Sampl: Ich war nie explizit auf eine Person bezogen. Franz Klammer oder Walter Röhrl zum Beispiel fand ich zwar beeindruckend, aber ich habe immer versucht, meinen eigenen Weg zu finden und niemanden zu kopieren. Ich habe eher geschaut, was ich von sportlich oder wirtschaftlich erfolgreichen Menschen lernen kann und was das für mein Leben bedeuten könnte. Das hat dann auch ganz gut funktioniert.

 

Auf der Webseite www.rs1.at erfahrt Ihr mehr über Reini Sampl.

Hier gibt es Informationen zum Winterfahrtraining mit dem Rallye-Piloten: www.winterfahrtraining.at

(Text: Birgit Bauer)

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Mann mit Kappe hinter dem Lenkrad eines Autos
Reini Sampl: Autofahrer aus Leidenschaft
(c) Isolde Eich
Reinhold (Reini) Sampl, Sohn eines Skilehrers im österreichischen Lungau, steht schon mit drei Jahren auf den Skiern. 1996, da ist er Anfang 20, bricht er sich bei einer Trainingsfahrt auf der Skipiste den 11. und 12. Brustwirbel. Lange Rückblicke und Vergleiche sind jedoch seine Sache nicht. Der junge Mann schaut nach vorn und sucht den Erfolg in anderen Sportarten: Monoskifahren, Handbiken, Rollstuhlbasketball. Als Rallye-Pilot verschiebt Reini Sampl jetzt die Grenzen des Machbaren für andere Rollstuhlfahrer gleich ein bisschen mit.