„Viele bürokratische Hürden sind menschenfeindlich“

Interview mit Christiana Hennemann von rehaKIND e.V.

Die Corona-Pandemie hat in besonderer Weise körperlich- und mehrfach behinderte junge Menschen getroffen. Wir haben deshalb mit Christiana Hennemann, die bei der Fördergemeinschaft rehaKIND e.V. für die Öffentlichkeitsarbeit und Koordinationsaufgaben zuständig ist, darüber gesprochen, welchen Stellenwert Kinder für Politiker wirklich haben, warum man auch ohne Präsenzveranstaltungen hörbar bleiben muss und wie es nach der Pandemie weitergeht.
Familie auf einer Wiese mit Baum rollstuhlfahrendes Kind
© rehaKIND e.V.
Interview mit Christiana Hennemann

MOBITIPP: Politiker behaupten immer wieder, dass ihnen Familien mit Kindern ganz besonders wichtig sind. Entspricht das Ihrer Erfahrung aus der Praxis während der Corona-Pandemie?

Christiana Hennemann: Nein, überhaupt nicht. Nachdem zu Beginn der Pandemie die Versorger nicht in den Zentren, Kliniken oder auch bei den Familien zugelassen waren, hat sich gerade im Bereich der Orthopädietechnik eine Art Auftragsstau gebildet. Das ist für Kinder mit Behinderung fatal, weil sie eine hoch individuelle Unterstützung brauchen, die sie genau in den jeweils relevanten Zeitfenstern ihrer Entwicklung abholt. Hinter jeder nicht ausgelieferten Versorgung steckt ein Kind, welches wertvolle Entwicklungszeit für Fähigkeiten und Fertigkeiten verloren hat.

Wenn dann noch eine enorme bürokratische Welle für alle, die sich mit der Bedarfsermittlung und Festlegung des benötigten Hilfsmittels beschäftigt haben, losrollt, mehrfache Widersprüche und Begründungen geschrieben werden müssen, ist dies nur noch menschenfeindlich. Hier könnte die Politik wesentlich dazu beitragen, Abläufe zu beschleunigen, um körperlich- und mehrfach behinderten jungen Menschen rasch und unbürokratisch eine altersgerechte Entwicklung zu ermöglichen.

MOBITIPP: Was haben Sie getan, um diesem Missstand zu begegnen?

Stehende Frau mit verschränkten Armen und roter Jacke
© rehaKIND e.V.

Christiana Hennemann: Wir haben uns maßgeblich an der Petition “Stoppt die Blockade der Krankenkassen bei der Versorgung schwerbehinderter Kinder/Erwachsener” beteiligt, die letztlich über 55.000 Stimmen gesammelt hat. Daraus ist ein Aktionsbündnis entstanden, in dem viele Unterstützer aus Medizin und Therapie, alle orthopädisch-medizinischen Fachgesellschaften, die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, aber vor allem auch tausende Mitglieder aus großen Selbsthilfeverbänden wie der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke, des Kindernetzwerkes, des Bundesverbandes Kinderhospiz und zahlreiche Prominente angeschlossen haben. Ziel ist, die zeitnahe Versorgung von Kindern mit Heil- und Hilfsmitteln sicherzustellen.

Täglich wenden sich Eltern mit Problemen bei der Versorgung Ihrer Kinder an uns, nicht nur mit Hilfsmitteln, sondern auch die Genehmigung von Reha-Aufenthalten und  notwendigen Therapien wird immer komplizierter. Ohne pflegende Angehörige jedweder Altersstufe würde das System zusammenbrechen, aber sie werden übersehen, und ihre Arbeit nicht im Sozialsystem als relevant verankert.

 

 

Die Kernforderungen des Aktionsbündnisses:

  • Transparenz im Prozess der Heil- und Hilfsmittelversorgung: Die Offenlegung der Zahlen/Gründe abgelehnter Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung durch die Krankenkassen und den Medizinischen Dienst (MD).
  • Kommunikation und Abläufe zwischen Patienten, Verordnern, Leistungserbringern und Krankenkassen so zu verändern, dass kurzfristig und unbürokratisch zielgerichtete Entscheidungen getroffen werden können zur bedarfsgerechten Versorgung.
  • Prüfungen durch den MD einzusparen, wenn aus einem Sozialpedriatischen Zentrum (SPZ), einer spezialisierten Klinik oder Einrichtung Hilfsmittel verordnet werden, da keine zusätzliche fachliche Kompetenz durch den MD zu erwarten ist.
  • Regionale Hilfsmittelversorgung mit Leistungserbringern vor Ort sicherzustellen, da kostensparende Sonderverträge mit anderen Leistungserbringern ohne Rücksprache mit dem Verordner zu unbefriedigenden Versorgungen und gegebenenfalls teuren Nachbesserungen führen.

www.aktionsbuendnis-hilfsmittelversorgung.de

 

MOBITIPP: Wie sehr hat die Pandemie die Arbeit von rehaKIND eingeschränkt beziehungsweise verändert?

Christiana Hennemann: Natürlich war das eine große Herausforderung für uns, weil wir als Fördergemeinschaft einen regen Austausch nicht nur mit unseren Mitgliedern, sondern auch mit den Eltern von Kindern mit Behinderung sowie mit Wissenschaftlern, politischen Entscheidern und vielen anderen anstreben und pflegen. Das geht im persönlichen Austausch zum Beispiel auf Kongressen und Messen viel einfacher und intensiver als digital. Wir haben uns aber sehr schnell umgestellt und die rege Kommunikation im Rahmen der pandemiebedingten Möglichkeiten unter anderem durch digitale Meetings aufrecht erhalten. Nach über einem Jahr der fehlenden persönlichen Begegnungen hat sich gezeigt, dass dieser Weg richtig und wertvoll war, weil unsere fachliche und neutrale politische Präsenz immer wichtiger wird, um die Anliegen der Betroffenen sichtbar zu machen.

MOBITIPP: Wie werden diese Erfahrungen Ihre Vereinsarbeit verändern, auch wenn die Pandemie vorbei sein sollte?

Christiana Hennemann: Wir haben in diesem Jahr eine komplett neue Webseite erstellt, um noch näher an diejenigen, für die rehaKIND arbeitet, heranzukommen. Die Besucherzielgruppen werden jetzt nach ihren Interessen gezielt angesprochen, gerade für Eltern eine große Informationsquelle. Herzstücke sind die regional nach Postleitzahlen sortierten Fachberaterlisten – so können überall die Versorgungsexperten mit zusätzlichen Qualifikationen rund um Kinderversorgung gefunden werden; diese Möglichkeit nutzen übrigens auch viele Krankenkassenmitarbeiter.

Die zweite Neuerung wächst kontinuierlich: Der neutrale, herstellerübergreifende Hilfsmittelkatalog ist nicht  nur auf rehaKIND-Mitglieder beschränkt. Wichtige Daten, zum Beispiel zu Anwendungsbereichen, zu Begründungen aus dem Hilfsmittelverzeichnis, zum Einsatz in den verschiedenen GMFCS-Stadien (Gross Motor Function Classification System – die Red.) der Behinderung und natürlich Beschreibungen finden sich hier. Die Sortierung ist nach Alltagssituationen gestaltet, die sich nicht immer mit Produktgruppen decken, aber die Suchfunktion ermöglicht auch gezieltes Auffinden einzelner Produkte. Ein echter Gewinn für Eltern, aber auch für Kostenträger, Therapeuten, Ärzte, die hier nachschauen können und zusätzliche Verordnungsinformationen finden.

MOBITIPP: Frau Hennemann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 


Hinweis der Redaktion:

Das Interview haben wir für unsere Ausgabe „Rehawelt aktuell“ geführt. Der darin erwähnte Kongress musste pandemiebedingt noch einmal verschoben werden, er findet nun vom 1. bis 4. Februar 2023 statt. Aber: Es wird etwas passieren am kostenlosen digitalen Focus Cp-rehaKIND-Inspiration Day. Von 13-16 Uhr gibts drei Stunden Update, Unterhaltung und wichtige Informationen für alle, die in Medizin, Therapie und Rehatechnike arbeiten, aber auch natürlich eine super Infoquelle für die Betroffenen und Familien … Anmeldung ab Anfang Februar unter www.focuscprehakind.de.


 

 

 

Über rehaKIND

rehaKIND wurde im Jahr 2000 als Verein gegründet. Als internationale Fördergemeinschaft setzt sich rehaKIND für die speziellen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ein. Der Verein setzt sich aus Mitgliedern (Hersteller, Fachhändler, Verlage, Kanzleien, Kliniken und Einzelpersonen), Beiräten (Wissenschaft, Kostenträger, Fachhandel, Patienten und Eltern) und kooperierenden Verbänden (Fördergemeinschaft Querschnittlähmung, DVFR, Kindernetzwerk e. V., QVH/BVMed/BIV, DRS und Berufsverbänden) zusammen.

rehaKIND hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern und Jugendlichen mit Behinderung eine qualitativ hochwertige und individuelle Hilfsmittelversorgung zu ermöglichen und damit ein Recht auf aktive Teilhabe. Damit soll erreicht werden, dass die Qualität der Hilfsmittelversorgung nicht dem Kostendruck und Wettbewerbsgedanken des Gesundheitsmarktes geopfert wird.

www.rehakind.com

(Text: Volker Neumann)

Familie auf einer Wiese mit Baum rollstuhlfahrendes Kind
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