Fliegenmaden als Therapie für chronische Wunden

Ungewöhnliche Heilmethode bei Diabetes, Dekubitus & Co.

Eine offene Wunde, in der sich Fliegenmaden tummeln – das ist eine Vorstellung, die zunächst an katastrophale hygienische Zustände denken lässt. Tatsächlich kann das genaue Gegenteil der Fall sein. Denn – so merkwürdig das auch klingen mag - Fliegenmaden sind eine vielversprechende Möglichkeit zur Therapie chronischer Wunden und können manchmal gerade dann helfen, wenn andere Mittel versagen.
Wunde mit einem Madenverband, an dem gerade jemand schneidet
© iStock, Karen Mower
Madentherapie mit modernen Gazepacks
Klingt ekelig, kann aber helfen: Die richtigen Maden an der richtigen Stelle können Wunden heilen, wo moderne Medizin nicht mehr weiterkommt.

Die Idee, Wunden durch den Einsatz von Fliegenmaden zu behandeln, ist keine neue. Naturvölker wie die Aborigines in Australien kennen die Methode schon lange. Militärärzte, die auf den Schlachtfeldern vergangener Jahrhunderte tätig waren, beobachteten ebenfalls, dass ein Madenbefall sich nicht zwingend negativ auf die Wundheilung auswirkte, sondern sogar hilfreich sein konnte.

Daraus entwickelte sich schließlich auch ein gezielter therapeutischer Einsatz. Heute fällt eine Behandlung mit Fliegenmaden in den Bereich der sogenannten Biochirurgie, in der beispielsweise auch mit Blutegeln oder Knabberfischchen gearbeitet wird. Um chronische Wunden zu behandeln, wird der speziell dafür steril gezüchtete Nachwuchs der Goldfliege eingesetzt. Eine Methode, die aktuell wieder an Bedeutung gewinnt, da sie auch da hoffen lässt, wo Antibiotika nicht mehr wirken.

Was bewirken die Maden in der Wunde?

Das Geheimnis des Erfolgs der Fliegenmaden liegt in ihrer Lebensweise. Für die Wundtherapie nutzt man Goldfliegenmaden. Abgestorbenes Gewebe ist für sie eine bevorzugte Nahrungsquelle. Das finden sie meist in einer keimbelasteten Umgebung. Um dort nicht selbst Schaden zu nehmen, mussten sie entsprechende Abwehrmechanismen entwickeln. Sie sind deshalb nicht nur unempfindlich gegen viele Keime, sondern können sogar einige Keime abtöten.

In einer Wunde eingesetzt sind die Fliegenmaden damit gleich mehrfach hilfreich. Sie beseitigen das abgestorbene Gewebe (Nekrosen) und töten gleichzeitig Keime in der Wunde ab, die das Gewebe weiter angreifen würden. Das gesäuberte, von Nekrosen befreite Gewebe wird wieder besser durchblutet und kann schließlich abheilen. Mittlerweile wurden im Speichel der Tiere sogar Stoffe entdeckt, die das Gewebewachstum anregen und damit eine Heilung beschleunigen könnten. Studien zeigen allerdings bislang, dass die Heilung nicht unbedingt schneller verläuft als bei anderen Behandlungsmethoden. Dafür gilt die Reinigung der Wunde durch Fliegenmaden als schneller und auch schonender. Wird nekrotisches Gewebe in einer Operation entfernt, werden dabei meist auch nicht betroffene Bereiche in Mitleidenschaft gezogen. Die Maden arbeiten hier deutlich schonender und können sogar tief liegende, schwer erreichbare Stellen bereinigen.

Eignung, Gegenanzeigen, Nebenwirkungen

Die Haupteinsatzgebiete für die Madentherapie sind vor allem chronische Wunden, wie sie bei Diabetes, Dekubitus, Geschwüren oder einer Knochenmarkentzündung auftreten. Sie kann insbesondere dann eine Option sein, wenn eine Behandlung mit Antibiotika nicht anschlägt. Resistenzen oder eine schlechte Durchblutung der Wunde durch nekrotisches Gewebe können dazu führen. Ob die Madentherapie sich eignet, hängt aber auch vom jeweiligen Keimbesatz der Wunde ab, denn nicht gegen alle Keime kommen die Tiere an. Während beispielsweise Staphylokokken gut durch die Fliegenmaden bekämpft werden, sind sie bei Pseudomonasbakterien wenig erfolgreich.

Ganz nebenwirkungsfrei ist eine Behandlung allerdings nicht unbedingt. Ein Problem können Ekelgefühle sein. Diese werden von den meisten Patienten aber schnell überwunden. Allerdings können die Fliegenmaden ein unangenehmes Kribbelgefühl und sogar Schmerzen verursachen, während sie in der Wunde tätig sind. Diese werden mit zusätzlichen Schmerzmitteln behandelt, falls nötig.

Durchführung und Kosten der Madentherapie

Die Wundbehandlung mit Fliegenmaden ist noch nicht überall verbreitet, aber etliche Kliniken und Ärzte bieten die Therapie bereits an und führen sie erfolgreich durch. Die Kosten sind dabei nicht höher als bei einer konventionellen Behandlung und die Behandlungserfolge sind unter den richtigen Voraussetzungen durchaus vergleichbar. Deshalb ist die Behandlung bei den Krankenkassen anerkannt und kann über sie abgerechnet werden. Voraussetzung dafür ist, wie bei anderen Arzneimitteln beziehungsweise Heilmethoden auch, die ärztliche Verordnung.

Durchgeführt wird die Behandlung meist stationär in einer Klinik mit entsprechendem Angebot. Die Fliegenmaden werden speziell für diesen Zweck gezüchtet, steril aufgezogen und an die Kliniken geliefert. Sie sind nur wenige Millimeter groß und werden in der Wunde platziert. Das kann direkt geschehen, dann bewegen sich die Tiere frei in der Wunde. Mittlerweile ist allerdings die Anwendung von speziellen Gazebeuteln verbreitet, in denen die Fliegenmaden in der Wunde verbleiben. Das soll nicht nur das Ekelgefühl beim Patienten verringern, sondern sorgt auch dafür, dass die Maden an Ort und Stelle bleiben. Nach einigen Tagen werden sie gegen neue ausgetauscht. Dies wird fortgeführt, bis die Wunde vollständig durch die Tiere gereinigt wurde und sauber abheilen kann.

Insgesamt gilt die Madentherapie heute als nicht unbedingt besser als eine konventionelle Therapie, aber in einigen Fällen als durchaus gute Option. Es kann sich für Patienten mit entsprechenden Problemen lohnen, sich über die Möglichkeit einer Madentherapie zu informieren.

(Text: Willi Walter)

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