Mobilitätstraining ist Teilhabeförderung!

Hier ist der Beitrag aus unserer Ausgabe "Mutmacher" in voller Länge

Sport und Bewegung haben eine vielfältige Wirkung auf den menschlichen Körper. Neben einer Steigerung der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit durch beispielsweise eine erhöhte Muskelkraft oder eine Stärkung Herz-Kreislaufsystems, hat eine regelmäßige körperliche Aktivität auch positive Effekte auf der psychosozialen Ebene. Zu diesen gehört insbesondere eine gesteigerte Selbstwirksamkeit – also ein größeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Dinge zu verändern und zu schaffen. Aber auch ein subjektiv besseres Wohlbefinden oder auch eine verbesserte Kommunikations- und Teamfähigkeit sind Aspekt, die durch regelmäßige körperliche und sportliche Aktivitäten positiv beeinflusst werden können.
Rollstuhlfahrer mit Begleitern in einer Sporthalle auf Matten beim Training
© FIBS gGmbH
Mobilitätstraining macht selbstständig

Vor allem für ältere Menschen oder Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen sind Sport und Bewegungen eine wichtige Gesundheitsressource, um im präventiven und rehabilitativen Sinne die eigene Mobilität zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Die selbstbestimmte Mobilität stellt eine wesentliche Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dar und trägt somit auch zum Erhalt der eigenen Lebensqualität bei. Bei älteren Menschen ist die selbstständige Mobilität in höheren Lebensaltern oftmals durch Faktoren wie der Verschlechterung des Sehvermögens, der Einschränkung der motorischen Beweglichkeit oder einer schnelleren Ermüdbarkeit eingeschränkt. Gerade bei Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen wie beispielsweise einer Amputation im Bereich der unteren Extremitäten ist die eigene Mobilität als eine Grundvoraussetzung anzusehen, um alltägliche Anforderungen und für sie wichtige Aktivitäten und Tätigkeiten selbstständig bewältigen zu können. Dabei ist die Versorgung und das Erlernen des Umgangs mit entsprechenden Mobilitätshilfsmitteln wie Prothesen, Gehilfen oder Rollstühlen essenziell. Besonders Menschen, die z. B. aufgrund einer Erkrankung oder eines Unfalls teilweise oder ganz auf einen Rollstuhl zur Fortbewegung angewiesen sind, sind im Alltag durch Umweltfaktoren wie Bordsteine, unebene Untergründe oder schlechte Bürgersteigbedingungen oftmals in ihrer Mobilität eingeschränkt. Da sie häufig durch das Fehlen von Mobilitätstrainingsangeboten nicht ausreichend dazu befähigt sind, die Herausforderungen und Hindernisse des Alltags zu bewältigen, sind Maßnahmen zur Förderung der persönlichen Mobilität hier dringend erforderlich.

An dieser Stelle setzte das Forschungsprojekt „Mobilität 2020 – mehr Training – mehr Mobilität – mehr Teilhabe für Rollstuhlnutzer“ an, dass eine einfache und auf wissenschaftlich überprüften Grundlagen basierende Möglichkeit aufzeigt, die persönliche Mobilität von Rollstuhlnutzer*innen zu verbessern. Das Projekt lief von Oktober 2016 bis März 2021. Es wurde vom Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport (FIBS gGmbH) gemeinsam mit dem Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS e. V.) durchgeführt und von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) unterstützt. Im Zuge des Projektes wurde partizipativ zusammen mit erfahrenen Fachleuten sowie Rollstuhlnutzer*innen ein Mobilitätstraining zur Steigerung der Rollstuhlmobilität entwickelt, dessen Wirksamkeit über die Projektlaufzeit hinweg wissenschaftlich überprüft wurde. Es fanden deutschlandweit insgesamt 30 Mobilitätstrainingskurse an 20 verschiedenen Standorten statt, an denen 228 Personen teilgenommen haben. An jedem Standort wurden zwei Trainingstermine im Abstand von vier Wochen mit einer onlinegestützten Selbsttrainingsphase zwischen den Trainingsterminen angeboten. Zu den Inhalten der Trainingskurse gehörten neben der Vermittlung von grundlegenden Fahrtechniken vor allem das Erlernen und Üben von Techniken zur Bewältigung von alltäglichen Herausforderungen und Hindernissen. Zu den vermittelten Techniken zählten u. a. das Ein- und Aussteigen in öffentlichen Verkehrsmitteln, das Überfahren von Borsteinkanten und Steigungen oder das Treppenfahren mit und ohne Hilfe.

Die Ergebnisse aus dem Projekt belegen eindrucksvoll die positiven Effekte des entwickelten Mobilitätstrainings. Nahezu alle Teilnehmer*innen, die an beiden Mobilitätstrainingskursen teilgenommen haben, konnten ihre Rollstuhlmobilität steigern. Durch die Vermittlung adäquater Rollstuhltechniken sowie dem angeleiteten Üben vor Ort und der onlinegestützen Selbsttrainingsphase im privaten Umfeld konnten die Teilnehmer*innen ihre Fähigkeiten im Umgang mit dem Rollstuhl maßgeblich verbessern. Zudem zeigte auch das Feedback der Teilnehmer*innen einen deutlichen Zuspruch für das Trainingskonzept. Die Mehrheit der Teilnehmer*innen gab an, dass sie sich durch das Training im Alltag wesentlich sicherer fühlen und nun auch weitere Strecken mit dem Rollstuhl zurücklegen würden. Ein Beispiel hierzu liefert das Zitat einer Teilnehmerin: „Das war immer so ein Problem im Kopf, wie komme ich da hoch, bleibe ich da vorher stoppen oder wie auch immer. Jetzt gerade heute war dann tatsächlich so das Aha-Erlebnis: Hey das geht ja alles, es funktioniert!“ Zum Projekt und seinen Ergebnissen wurde zudem ein Abschlussvideo gedreht, welches einen guten Gesamtüberblick über das Projekt „Mobilität 2020“ liefert (siehe QR-Code).

Damit auch in Zukunft Rollstuhlnutzer*innen von den Erkenntnissen des Projekts profitieren können, wurden neben einer wissenschaftlichen Ausarbeitung zu den Ergebnissen auch eine konkrete Handlungsempfehlung zur Organisation von standardisierten Mobilitätstrainingskursen für Rollstuhlnutzer*innen und ein Fortbildungsmaterial zur Schulung von Übungsleiter*innen, Trainer*innen, etc. entwickelt. Außerdem wird die Projekthomepage (www.mobi.fi-bs.de) weiterhin bestehen bleiben und Informationen rund ums Thema Mobilitätstraining liefern. Auf ihr sind zudem die Technikbeschreibungen und Beispielvideos des Selbsttrainings im privaten Umfeld zu finden, auf die jeder Interessierte bei Bedarf Zugriff erhalten kann.

Die Projektergebnisse zeigen, dass ein Training im Umgang mit dem Rollstuhl die Mobilität von Rollstuhlnutzer*innen und darüber die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben deutlich verbessern kann. Dies lässt sich auch auf Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, die nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sind transferieren. Denn egal ob ich mich im Rollstuhl selbstbestimmt fortbewegen möchte, mich aufgrund einer Amputation oder sonstige Mobilitätseinschränkungen fit halten möchte, die Voraussetzung dafür ist der Erhalt und die Verbesserung der Mobilität. Diese durch effektives Training konsequent und überdauernd auf einem für die Person möglichen Niveau zu halten schafft die Voraussetzung, um mehr am gesellschaftlichen Leben aktiv teilhaben zu können. Egal, ob im familiären Umfeld, in der Freizeit, auf Urlaubsreisen oder im Berufsleben.

FiBS gGmbH
Paul-R.-Kraemer-Allee 100
50226 Frechen
Telefon: 02234.93303 731
Internet: https://www.fi-bs.de/

 

(Text: Dr. Volker Anneken & Jonas Mockenhaupt)

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