„Der persönliche Kontakt ist nicht zu ersetzen“

Interview mit Hannes Niemann, Verantwortlicher für die REHACARE bei der Messe Düsseldorf

In diesem Jahr öffnen sich die Türen für die Rehacare zum zweiten Mal nicht für Aussteller und Besucher. Während es im letzten Jahr durch den Lock-Down und die Absage aller anderen Messen klar war, dass auch die Rehacare nicht stattfinden konnte, wurde die Entscheidung in diesem Jahr von der Messe Düsseldorf getroffen. In einem Interview mit MOBITIPP spricht der Verantwortliche für die Rehacare bei der Messe Düsseldorf, Hannes Niemann, über die Gründe und Umstände für die Absage sowie die Zukunft der Messe.
Mann im Porträt
(c) Messe Düsseldorf
Hannes Niemann, Chef der Rehacare

MOBITIPP: Warum wurde die Rehacare 2021 abgesagt, wo doch andere Messen in Düsseldorf stattgefunden haben?

Hannes Niemann: Wir hatten vor dem Ausbruch der Pandemie noch nie eine Messe abgesagt, denn eigentlich sind wir Veranstaltungsprofis und kommen mit jeglichen Herausforderungen klar. Aber eine Absage war ganz neu für uns. 2020 war ja aufgrund der politischen Vorgaben relativ schnell klar, dass die Messe so nicht stattfinden kann. 2021 war die Entscheidung schwieriger, da Aussteller und Besucher die Messe gerne haben wollten. Allerdings ergab sich da ein kompliziertes zeitliches Problem. Wie sollten wir die geeigneten Rahmenbedingungen zur Zeit der Messe und frühzeitige Planungssicherheit sicherstellen? Die Aussteller kommen schon Monate vor Messebeginn an einen Punkt, an dem sie finanzielle Entscheidungen treffen müssen. Ich war immer sicher, dass die Bedingungen im Oktober eine Durchführung möglich machen würden. Aber im Juni oder Juli, als entschieden werden musste, war dies einfach zu unsicher. Jetzt im September ist die Lage etwas entspannter. Allerdings tragen dazu vor allem der Impfstatus und die politische Entscheidung der Inzidenzwertabkehr bei, beides Vorgänge, die wir nicht beeinflussen konnten. Wenn wir nur den Durchführungsaspekt betrachten, bin ich überzeugt davon, dass im Hinblick auf das Hygienekonzept ein Besuch auf dem Caravan Salon Ende August/Anfang September sicherer war, als jeder Supermarktbesuch. Allerdings gelten für die Rehacare etwas andere Maßstäbe, da die Zielgruppe überwiegend zur Covid-19-Risikogruppe zählt.

MOBITIPP: Wie wurde die Entscheidung getroffen? Gab es Kontakt zu den Ausstellern, haben Sie den berühmten Draht in die Szene?

Hannes Niemann: Dem langjährigen Vertrauen der Aussteller in die REHACARE wollten wir selbstverständlich auch in einer solchen Situation gerecht werden. Unsere Priorität liegt immer auf der Gesundheit und der Planungssicherheit unserer Aussteller, Besucher und Dienstleister. Wir konnten uns tatsächlich über unseren Messebeirat, an dem auch Aussteller und Verbände beteiligt sind sowie die Rückmeldungen von Besuchern früherer Veranstaltungen, ein Bild über die Erwartungen und Wünsche der Zielgruppe machen. So konnten wir hier sehr gut Meinungen einholen. Allerdings gibt es eben für uns als eine große internationale Messe zahlreiche weitere Parameter, denen wir unterliegen. Wie bereits erwähnt, müssen diese Entscheidungen frühzeitig getroffen werden, um den Beteiligten hohe Kosten für Standbau und Hotelübernachtungen zu ersparen. Bei uns spielen auch Reisebedingungen eine große Rolle. Man erstellt also einen Zeitplan mit einem endgültigen Entscheidungszeitpunkt – in unserem Fall war das Juni/Juli.

 

MOBITIPP und die REHACARE

Bereits seit einigen Jahren ist der MOBITIPP ein Kooperationspartner der REHACARE. Während wir 2018 einige Beiträge zum Messeforum beigetragen haben, gab es 2019 ein eigenes MOBITIPP-Forum auf der Messe. Dort wurden an allen Tagen durchgehend interessante Vorträge, Podiumsdiskussionen und vor allem Vorstellungen von wichtigen Produktneuheiten angeboten. Zahlreiche Videos dazu sind auf unserem YouTube-Kanal online: www.youtube.com/mobitipp.

Für 2022 ist eine Fortsetzung der Zusammenarbeit geplant. Auf und neben dem Neuheitenforum wird es einige weitere interessante Angebote geben, die es den Besucherinnen und Besuchern der REHACARE noch besser ermöglichen, sich zu Experten in eigener Sache zu machen und so ihre Mobilität und Lebensqualität zu verbessern.

 

MOBITIPP: Sind denn die Reha-Messen untereinander vernetzt? Haben Sie sich mit anderen Messeverantwortlichen abgesprochen?

Hannes Niemann: Mit den Organisatoren anderer Reha-Messen hatten wir in dieser Sache eher weniger Kontakt. Da gibt es einfach zu viele unterschiedliche Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Nicht nur, dass man bei der Vorbereitung kleinerer nationaler Messen eventuell zeitlich flexibler sein kann, vielmehr haben allein die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der verschiedenen Bundesländer keine vergleichbaren Grundlagen vorgegeben. So bestand zum Beispiel im Mai, dem Veranstaltungszeitpunkt der Rehab ein Messeverbot, im Oktober nicht. Also haben wir einen engen Austausch mit anderen Messestandorten in unserem Bundesland gepflegt wie der Messe Köln. Wichtig war uns hauptsächlich, gute Grundlagen für unsere Entscheidung zu schaffen, solange die politischen Vorgaben diese überhaupt ermöglichten

MOBITIPP: Was denken Sie, wann die nächste Rehacare stattfinden wird?

Hannes Niemann: Im Moment rechne ich fest damit, dass wir Aussteller und Besucher nächstes Jahr wieder empfangen werden. Wir beginnen jetzt schon mit den Vorbereitungen. Hinzu kommt unser umfassendes Hygiene- und Infektionsschutzkonzept für Veranstaltungen am Standort Düsseldorf, das sich bereits bewährt hat und beim Caravan Salon wieder erfolgreich zum Einsatz gekommen ist. Wir haben schon mehrfach bewiesen: Erfolgreiche Messen sind unter größtmöglichem Schutz für alle Beteiligten auch in Corona-Zeiten möglich. Immerhin ist das Gelände der Messe Düsseldorf größer als die Düsseldorfer Altstadt. Allerdings ist die Sicherheit vor Ansteckungen für uns nicht das alleinige Entscheidungskriterium, zumal wir wissen, dass unsere Zielgruppe sich sehr gut selbst schützen und organisieren kann. Es werden wieder die gesetzlichen Rahmenbedingungen sein, die letztlich entscheiden.

MOBITIPP: Wird die neue Rehacare so sein wie die alte oder sind Änderungen im Konzept zu erwarten?

Hannes Niemann: Bisher haben wir erst mit den Vorbereitungen begonnen. Sehr viel kann ich also noch nicht sagen. In jedem Fall können sich die Besucher auf die Vielfalt der Aussteller und bewährte Programme wie das Sport Center freuen. Darüber hinaus werden wir mit Ausstellern und Verbänden neue Ideen entwickeln.

MOBITIPP: Andere Messen haben versucht, ihre Besucher mit digitalen Angeboten zu erreichen. Wie sehen Sie diese Medien innerhalb Ihres Messekonzepts?

Hannes Niemann: Nach meiner Überzeugung haben digitale Medien durchaus ihre Berechtigung zur Informationsvermittlung und für Interessierte, die aufgrund einer zu langen Anfahrt oder anderen Gründen nicht zu einer Ausstellung kommen können. Allerdings machen sie ein persönliches Erleben durch Anfassen, Ausprobieren oder Probefahren nicht möglich. Das ist die Stärke einer Messe. Messen machen es Besuchern auch leichter sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Aussteller haben bei einer Messe den Vorteil, einen persönlichen Kontakt zu Interessierten aufzunehmen und sie mit ihren Produktpräsentationen zu überraschen. Digitale Inhalte haben also ihre Berechtigung, bleiben aber eine Ergänzung zu einer Messe. Entsprechend haben sich sowohl Aussteller als auch Verbände in unserem Messebeirat ganz klar für eine Präsenzmesse ausgesprochen und auch die Rückmeldungen von Besuchern unterstützen dies. Alle Beteiligten waren zwar unglücklich über die Absage, aber nicht interessiert an einem digitalen Ersatzangebot.

MOBITIPP: Wie schätzen Sie die Zukunft der Messen überhaupt ein? Werden digitale und andere Angebote Präsenzveranstaltungen mehr und mehr verdrängen? Wird sich die Messelandschaft im Bereich Hilfsmittel und Rehabilitation verändern?

Hannes Niemann: Ich denke, dass auch künftig die Rahmenbedingungen für die Durchführung von Messen wichtig sein werden. Was Digital versus Präsenz angeht, denke ich, der Mix macht es aus. Nur auf Präsenz zu setzen wäre falsch, aber nur Digital auch. Meetings wird man dazwischen auch digital machen, um den Reiseaufwand zu reduzieren. Ansonsten konzentriert man sich auf wichtige Termine. Dann haben Messen einen höheren Stellenwert. Dennoch sind die digitalen Medien nicht mehr wegzudenken. Daher wird man Veranstaltungen nicht mehr nur über Besucherzahlen bewerten, sondern auch über Klicks. Und doch bleibt der persönliche Kontakt wichtig. Geschäfte werden zwischen Menschen gemacht und ein persönliches Kennenlernen ist durch nichts zu ersetzen.

MOBITIPP: Vielen Dank, Herr Niemann, für dieses Interview.

 

 

Über die REHACARE

Nach Angaben der Messe Düsseldorf ist die REHACARE die weltgrößte Fachmesse für Rehabilitation, Prävention, Inklusion und Pflege. Seit über 40 Jahren ist die REHACARE eine wichtige Informations- und Kommunikationsplattform für Menschen mit Behinderungen, mit Pflegebedarf, im Alter und mit chronischen Krankheiten. Fast 40.000 Besucher informierten sich im Jahr 2019 bei 751 Ausstellern aus 43 Ländern über die Neuheiten der Branche. Darüber hinaus stellen Selbsthilfegruppen, Sozialverbände und politische Repräsentanten regelmäßig aktuelle behinderten- und gesundheitspolitische Fragen zur Diskussion. Zahlreiche weitere Angebote wie das Neuheiten-Center und das Sportforum ergänzen das umfangreiche Angebot.

Die REHACARE findet normalerweise jährlich statt, allerdings im Jahreswechsel in unterschiedlicher Ausprägung. Bisher traf sich in geraden Jahren alles, was Rang und Namen in der Branche hat, in Düsseldorf. In ungeraden Jahren fand die „kleine“ REHACARE statt, bei der die Auto- und einige Hilfsmittelhersteller nicht oder nur mit kleinen Ständen anwesend waren. Hier stand eher der internationale Austausch im Vordergrund. Die REHACARE war bisher stets an allen Tagen für alle Besucher geöffnet, einen Fachbesuchertag gab es nicht.

Nach den coronabedingten Absagen der REHACARE in den Jahren 2020 und 2021 soll die nächste Messe vom 14. bis 17. September 2022 in Düsseldorf stattfinden.

Infos: www.rehacare.de

(Text: Isolde Eich)

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